Alltagsrassismus in Deutschland

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Bestürzend: Der Chinesische Ausnahmekünstler Ai Weiwei erlebt im Berliner Alltag Rassismus, und mehr noch, Faschismus und Nazismus:

Faschismus bedeutet, dass man eine Ideologie über andere stellt und diese Ideologie für rein erklärt, indem man andere Denkungsarten abwertet“, sagte er. „Das ist Nazismus. Und dieser Nazismus existiert im deutschen Alltag von heute.“

Nun, man kann das als Bekundung eines Künstlers und Dissidenten mit starken Meinungen abtun. Aber es gibt auch ganz klar zu Denken.

Ich fand diesen Leserkommentar von “Heidewachtel” dazu erhellend:

“Als Deutscher, der in den USA, Belgien und Frankreich gelebt hat, der beruflich dreiviertel der Welt bereist hat, kann ich Ai Weiwei nur voll und ganz recht geben. Ohne Einschränkung. Lebt man hier, merkt man diesen Nazismus der Deutschen nur, wenn man immer darauf achtet, von außen fällt er sofort auf. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gibt es überall auf der Welt, aber dieses massive Abwerten anderer Denkungsarten verbunden mit der eigenen Selbsteinschätzung als rein (Haltung zeigen) ist typisch deutsch.
Klaus Kleber “Rettet die Wahrheit” ist so eine Eisberg Spitzen Literatur dazu. Extrem peinlich, wenn man es von außen sieht. Die Protagonisten feiern sich dabei konstant als große Demokraten. Toleranz wird bei uns exerziert, sie fällt uns nicht leicht, deswegen sehen wir auch nie, wann Toleranz aufhören muss und Egoismus und Selbstschutz einsetzen sollte. Deutsche sind da wesentlich verkrampfter als alle anderen Nationen.
Als Mensch mit chinesischer Ethnie würde ich ebenfalls London als Wohnort bevorzugen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken.”

In diesem Kommentar steckt einiges drin, was zu diskutieren wäre. Mir fällt aus meiner Kommunikationstrainerpraxis dazu ein:

Wenn mir jemand keinen ausdrücklichen Respekt entgegenbringt und ich anders denke und lebe als sie oder er, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass mein Gegenüber mich tatsächlich nicht respektiert und andere wie mich für weniger wertvoll hält als sich selbst.

Ich höre oft von deutschen Teilnehmern, dass sie Indirektheit im höflichen Umgang als “unehrlich” und “hintenrum” empfinden, also als “falsch”. Sie vermuten eine Differenz zwischen dem, “was gesagt wird (freundlich)” und dem, “was gedacht wird (unfreundlich)”, und diese vermutete Differenz halten sie nicht aus. Es drängt sich ihnen auf: Nicht zu sagen, was man denkt, ist nicht authentisch, und somit nicht ok. Überspitzt gesagt, nicht „rein“.

Ist die vermutete feindselige Differenz eventuell letztlich eine Projektion der eigenen abwertenden Haltung gegenüber anderen?

Au, wei wei!

Veröffentlicht von

Anne

Trainer/ coach from Washington, D.C. based in Berlin. Enthusiastic gardener, sailor, reader.

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